Ich scrolle mehrfach täglich durch Facebook und Instagram. Ein Plakat für einen Fußballabend in der Nachbarschaft. Leuchtendes Grün, glänzender Ball, Flaggen, Icons, alles strahlt. Mein erster Gedanke: Wow, sieht professionell aus.
Mein zweiter Gedanke kommt drei Sekunden später. Sieben Informationsblöcke auf einem Plakat. Vier Schriftstile. Die Flagge des Gegners stimmt nicht ganz. Das Logo des Veranstalters? Hat die KI gleich miterfunden. Und irgendwo zwischen Bratwurst-Icon und Deko-Schnörkel suche ich die Uhrzeit.
Ich sehe diese Plakate inzwischen jeden Tag. Vereine, Handwerker, Gastronomen, sogar Stiftungen. Alle aus demselben Generator, alle im selben Look. Und ich sage Ihnen ehrlich: Mich nervt das. Nicht, weil ich Werber bin und um mein Geschäft fürchte. Sondern weil diese Plakate den Menschen schaden, die sie voller Stolz veröffentlichen.
Bevor Sie jetzt abwinken: Ich nutze selbst KI. Täglich.
Das muss raus, bevor wir weiterreden. Hier wettert kein Nostalgiker gegen die Konkurrenz aus der Steckdose. KI ist fester Teil meiner Arbeit – bei Recherche, Texten, Bildbearbeitung, sogar bei Entwürfen. Ich halte diese Werkzeuge für großartig.
Gerade deshalb erkenne ich den Unterschied. Eine Motorsäge macht aus niemandem einen Schreiner. Eine Kamera für 4.000 Euro macht keinen Fotografen. Ein KI-Bildgenerator macht keinen Gestalter. Das Werkzeug war noch nie das Entscheidende. Entscheidend ist, wer es in der Hand hält.
Strategie statt Bauchgefühl
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Die fünf Fehler, die ich jede Woche sehe
Das Logo fehlt – oder die KI hat eins erfunden. Ihr Logo ist Ihr Gesicht. Auf vielen dieser Plakate taucht es gar nicht auf. Oder schlimmer: Die KI generiert ein Fantasie-Emblem, das es nirgendwo sonst gibt. Wer soll Sie wiedererkennen?
Die Hausfarben sind weg. Vielleicht haben Sie über Jahre ein Blau aufgebaut, das Ihre Kunden kennen. Die KI weiß das nicht. Sie liefert, was gerade hübsch aussieht – heute Gold-Schwarz, morgen Pastell-Rosa. Jedes Plakat eine andere Marke. Also genau genommen: gar keine.
Alles drauf, nichts kommt an. Ein Plakat hat drei Sekunden. Drei Sekunden, in denen eine Botschaft hängen bleiben muss. Die KI füllt stattdessen jede freie Fläche – mit Icons, Bannern, Herzchen, Zierlinien. Sieben Botschaften sind keine Botschaft.
Die Fakten fehlen. Ich habe Veranstaltungsplakate gesehen ohne Datum. Angebote ohne Kontaktmöglichkeit. Einladungen ohne Adresse. Klingt absurd, passiert aber ständig. Der Generator kennt Ihren Termin nicht – und beim Staunen über das schöne Ergebnis fällt niemandem auf, was fehlt.
Der Einheitslook. Glattgebügelte Gesichter, immer dasselbe dramatische Licht, derselbe Glanz auf allem. Jeder erkennt das inzwischen. Sofort. Und genau da beginnt der eigentliche Schaden.
Ein Plakat ist kein Post
Der vielleicht absurdeste Punkt: Diese Plakate hängen nirgendwo. Kein Schaufenster, keine Litfaßsäule, kein Vereinsheim. Sie existieren nur als Social-Media-Post – und genau dafür taugen sie am wenigsten.
Ein Plakat ist für die Distanz gemacht. DIN A1 an der Wand, lesbar aus zehn Metern. Ein Smartphone-Display ist sieben Zentimeter breit. Wer dort ein vollgepacktes Plakat hineinquetscht, schrumpft die Öffnungszeiten auf Fliegendreck-Größe. Niemand zoomt. Niemand kneift die Augen zusammen. Der Daumen wischt weiter.
Jedes Medium hat seine eigenen Regeln. Ein Post im Feed braucht eine Botschaft, groß genug fürs Vorschaubild – die Details gehören in den Begleittext, einen Klick entfernt. Ein Plakat braucht Fernwirkung. Das KI-Plakat im Feed schafft keins von beidem. Das Medium passt nicht zum Format, das Format nicht zum Medium. Es ist, als würden Sie einen Kinotrailer als Briefmarke drucken.
Was Ihr Plakat wirklich über Sie sagt
Jede Werbung sendet zwei Botschaften. Die erste steht im Text. Die zweite steckt in der Machart – und sie sagt: So viel Mühe war uns das wert.
Ein erkennbares KI-Plakat sagt: schnell, billig, egal. Das ist hart, aber so liest es Ihr Publikum. Vielleicht nicht bewusst. Aber das Bauchgefühl registriert es. Und Ihr Publikum vergleicht: Wenn Ihr Plakat aussieht wie das vom Verein nebenan und wie die dubiose Heimarbeit-Anzeige aus demselben Newsfeed – warum sollte man ausgerechnet Ihnen vertrauen?
Wiedererkennung ist das teuerste Gut, das ein Unternehmen besitzt. Sie entsteht über Jahre. Dasselbe Logo, dieselben Farben – immer wieder, immer gleich. Jedes beliebige KI-Plakat reißt davon ein Stück ab. Sie sparen 200 Euro Gestaltung und bezahlen mit dem, was Sie am längsten aufgebaut haben.
Gestaltung heißt: weglassen
Hier liegt das Missverständnis. Viele glauben, Gestaltung sei das Hübschmachen. Farben und Effekte. Das kann die KI tatsächlich – besser und schneller als mancher Mensch.
Aber Gestaltung ist etwas anderes. Gestaltung ist Entscheiden. Was ist die eine Botschaft? Was fliegt raus? Was muss jemand noch aus 30 Metern Entfernung lesen können? Ein guter Gestalter schafft Leere, damit das Wichtige wirkt. Die KI macht das Gegenteil: Sie füllt. Jede Lücke, jede Ecke, jeden Quadratzentimeter.
Fragen Sie sich bei Ihrem nächsten Plakat: Was soll hängen bleiben? Wenn die Antwort „alles” lautet, bleibt nichts.
Es liegt nicht am Werkzeug. Es liegt an der Hand, die es führt.
In den richtigen Händen ist KI ein Geschenk. Sie liefert in Minuten Varianten, für die ich früher Tage gebraucht habe. Sie übernimmt Fleißarbeit. Ich möchte sie nicht mehr hergeben.
Aber die KI trifft keine Entscheidungen. Sie weiß nicht, dass Ihr Verein seit 1962 Blau trägt. Sie weiß nicht, dass Ihre Kunden über 60 sind und größere Schrift brauchen. Sie weiß nicht, dass auf einem Veranstaltungsplakat der Termin wichtiger ist als das dritte Deko-Element. Das alles weiß nur ein Mensch, der sein Handwerk versteht – und der die KI dann gezielt einsetzt, statt zu nehmen, was sie ausspuckt.
Der Unterschied zwischen einem peinlichen und einem starken KI-Einsatz ist also kein technischer. Es ist derselbe Unterschied wie bei jedem Werkzeug seit Erfindung des Hammers: Wer führt es?
Wenn Sie selbst mit KI gestalten: sechs Fragen vor dem Veröffentlichen
- Ist mein echtes Logo drauf – nicht irgendeins?
- Stimmen meine Hausfarben?
- Gibt es eine klare Hauptbotschaft – oder zehn?
- Stehen Termin, Ort und Kontakt drauf? Stimmen sie?
- Ist das Wichtigste noch lesbar, wenn das Motiv klein im Feed erscheint?
- Würde ich das Ergebnis einem Profi zeigen, ohne mich zu schämen?
Sechs Fragen, zwei Minuten. Die meisten Plakate, die mir täglich begegnen, scheitern an mindestens dreien davon.
Sie können noch einen Schritt weitergehen: Holen Sie sich jemanden dazu, der Gestaltung gelernt hat. Das muss kein großes Budget sein. Oft reicht ein kritischer Blick, bevor etwas rausgeht – und Ihre Werbung arbeitet für Sie statt gegen Sie. Mehr dazu, warum gutes Design immer mit Strategie beginnt, lesen Sie hier.
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